Ständige Überfremdung

Die Ente gehört zu den heiligsten Tieren der chinesischen Küche, hier in den typischen Brauntönen ohne überflüssigen Schmuck gehalten, serviert auf einem Pudding aus Eigenblut.

In Thailand leben viele Minderheiten, die alle auf ihre Weise die Gesellschaft mitgestalten. Die Menschen aus dem Issaan beispielsweise sprechen eigentlich laotisch, welches als Dialekt des Hochthai empfunden wird. Da viele Menschen die wirtschaftlich eher schwache Region verlassen und dann häufig in der Gastronomie arbeiten, hat der Issaan mit seiner überzeugenden Küche praktisch ganz Thailand unterwandert.

Dann leben viele Birmesen in Thailand. Als Gastarbeiter sind sie für das Funktionieren der Wirtschaft unentbehrlich. Ihre Religion und Lebensart – was weitgehend identisch ist – haben Thailand seit Jahrhunderten geprägt. Deshalb werden sie, logischerweise, äußerst gering geschätzt, Staatsbürgerschaft wird ihnen konsequent verweigert und Aufenthaltstitel sehr restriktiv gehandhabt. Das hält die Löhne schön niedrig, außerdem wird gern eine uralte Erbfeindschaft ins Feld geführt. Etwas gutes über Birmesen zu sagen, ist sehr unhöflich, so ungefähr, wie wenn man einem Deutschen erklärte, 90 Prozent seines zivilisatorischen Wertes sei türkisch-arabischen Ursprungs. Im Straßenbild erkennt man Birmesen am auffälligen, weißen Gesichtspuder, das mitunter auch Männer trage. Häufig arbeiten sie an Garküchen, wo sie Issaan-Essen verkaufen. Eine Sonderstellung nehmen die Mon ein, eine birmesische Volksgruppe in Westthailand. Diese genießen wegen ihres urtümlichen Buddhismus‘ relativ hohes Ansehen und haben sogar, trotz Gesichtspuder mehrheitlich thailändische Pässe.

Mittels nicht vorhandener Einwanderungspolitik werden sonstige Flüchtlinge aus umliegenden Krisenstaaten und indigene Völker ansonsten einfach ignoriert.

Eine besondere Stellung nehmen Chinesen ein. Die sind seit Jahrhunderten in großer Zahl immer wieder eingewandert und prägen das Land nachhaltig. Die Chinesen nun verweigern beständig die Integration und behalten hartnäckig ihre Eigenarten ohne sich anzupassen. Denn die Thailänder sind eine agrarische, immer noch feudal geprägte Gesellschaft. Die Stellung des Einzelnen bestimmt sich durch Landbesitz der Familie. Die Chinesen aber streben nach wirtschaftlicher Selbständigkeit, Aufstieg durch Bildung, Spracherwerb und Heirat mit Einheimischen und schließlich auch nach politischem Einfluss. Viele Ministerpräsidenten und sogar die Stammväter des Königshauses haben chinesische Vorfahren. Reichen Händlern und Unternehmern kann chinesische Herkunft unbesehen unterstellt werden.

Eine köstliche Dim Sum-Variation mit Wasabiklecks bei Tim Ho Wan, einer Filiale eines Hongkonger Sternekochs.

Im Straßenbild erkennt man Chinesen an ihrer kleinen Statur, heller Haut, prosperierendem Geschäft und dem Taschenrechner als Hauptwerkzeug der Alltagskommunikation, während Rechenoperationen blitzschnell im Kopf erledigt werden.

Schweinefleisch Süß-Sauer, der zuckergewordene Globalisierungserfolg generationenübergreifender Sinisierung.

So viel Unangepasstheit verursacht natürlich Ressentiments, als in den 1930ern Rassismus ein weltweiter Modetrend war, gab es auch staatlicherseits antichinesische Kampagnen. Diese kamen, angesichts chinesischstämmiger Regierungsverantwortlicher, nur wenig überzeugend daher.

Das sind natürlich sehr grobe Pauschalisierungen, welche, wie alle knappen, generalisierenden Beschreibungen, in der Regel unfalsifizierbar stimmen. Natürlich wird es auch einzelne oder sogar sehr viele Fälle geben, die vom gefällten Urteil abweichen. Aber die übersieht man leicht, denn man will sie nicht sehen. Hier funktioniert unser sozialer Kompass wie ein präzises, naturwissenschaftliches Messinstrument, das nur misst, worauf es geeicht ist. Und nichts anderes.

Ähnlich unangepasst-aufstrebend wie Chinesen, verhalten sich die Vietnamesen, von denen viele im Land leben, seit Thailand in den 1970ern als alleiniger Sieger den Vietnamkrieg gewann (nach Punkten über drei Runden). Die Vietnamesen bereichern den Früstückstisch mit belegten Brötchen in türkisch-französischer Hörnchenform mit süßer, chinesischer Wurst.

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2 Gedanken zu „Ständige Überfremdung

  1. Also hat sich in den letzten 25 Jahren gar nicht so viel in Thailand verändert. Gut Cabi hat ’nen Flughafen bekommen und sieht jetzt aus, wie Ibiza. Phuket (nomen est omen) und Ko Samui dürften wahrscheinlich immer noch die größten, deutschen Laufhäuser sein und der Anzugschneider ist ein Inder, dessen Laden jedoch einem Chinesen gehört. Der Chjinese geht (wie der Deutsche) zum Lachen in den Keller, weshalb sich die Thais prima davon abheben und allerlei Kurzweil bieten, was dieses Land (nebst den leckeren Gaumenfreuden) auch immer wieder so bereisenswert macht.

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