Träume der Auswanderer

Irgendwo in einem kleinen Dorf an der Küste, weit weg von allen internationalen Flughäfen, verbunden mit der Welt nur durch eine Hauptstraße und eine alte Bahnlinie, saß eines frühen Abends ein Auswanderer in seiner Lieblingskneipe am Strand. Die Luft hatte, sehr angenehm, nahezu Körpertemperatur, das Bier dagegen kam direkt aus dem Kühlschrank, ein leichtes Lüftchen vertrieb die Mücken. Die Nachbarn waren noch nicht da, so blieben ihm ein paar Augenblicke, sich zu besinnen. Er schaute über den menschenleeren Strand, nur hier und da ein Hund, manchmal ein Fischer auf dem Weg die Nacht durchzuarbeiten, wie seine Altvorderen im winzigen Kahn den uralten Kampf gegen Fischereigesetze, Kreditwucher und japanische Fabrik-Trawler aufnehmend.

Der Auswanderer seufzte zufrieden. Sicher, der Sand könnte weißer sein, das Meer klarer, die Wege könnten ein paar weniger Schlaglöcher haben und die Regenzeit könnte manchmal etwas gnädiger ausfallen. Aber im großen und ganzen hatte er es ziemlich gut getroffen. Nach mäßig langem Arbeitsleben als leitender Angestellter einer Firma für Irgendetwas traf sich die Frühverrentung aufs glücklichste mit einer kleinen Erbschaft. Nach sorgfältiger Kalkulation reichte es für Eigenheim und Krankenversicherung unter Palmen ein wenig länger, als er noch zu leben gedachte.

Da beschlich ihn aus purer Langeweile des Augenblicks, ein Gedanke in seiner Muttersprache – der unnötig komplizierten Sprache des Gastlandes war er auch nach mehr als einem Jahrzehnt selbstverständlich nicht mächtig.

Was, so dachte er bei sich, wenn man nun das kleine Stück Erde neben dem Häuschen erwürbe? Das wäre nicht unrealistisch, die Gesetze erlauben Ausländern eine rechtsverbindliche Pacht. Und das Land wäre spottbillig. Er könnte dann für ein Taschengeld ein paar Bungalows errichten lassen, zunächst ganz einfache, mit Platz für ein Doppelbett und eine Nasszelle, noch eine Klimaanlage daran, fertig wäre eine kleine Pension.

Dann hätte er Platz für Gäste, Freunde, Durchreisende, mit wenig Aufwand würden die Zimmer einen Hausmeister und eine Köchin tragen. Wenn er Aber seine Netzwerke aktivierte und etwas Werbung machte, könnte so ein Projekt mit guter Belegung in oder sechs Jahren die Kosten eingefahren haben. Vielleicht nicht ganz. Aber zumindest genug, zum Expandieren. Man könnte mehr Land und Bungalows erwerben. Oder in Qualität investieren, mehr Luxus für höhere Preise anbieten.

Dann wär man schon wer, mit einer Hand voll Angestellter, müsste aber auch den Laden am Laufen halten, Werbung machen, ein paar Taxifahrer bezahlen, in der Großstadt präsent sein und natürlich ganz viel im Internet. Die Umgebung müsste man aufwerten, dafür sorgen, daß die Straßen instand gehalten werden und natürlich den Strand pflegen, vielleicht ein paar Boote für Ausflüge besitzen.

Wenn man soweit wäre, würde man natürlich Kredit bekommen, für weitere Hotels. Man müsste Beziehungen knüpfen, den Verwandten einflußreicher Bürger Posten verschaffen. Dann natürlich Kooperationen eingehen, den Ort verändern, ein richtig großes Ding daraus machen.

Dann, nach viel Arbeit und einer aufregenden Zeit, wäre man über 80, könnte man sich zurückziehen. Ein kleines Dorf suchen, irgendwo an einer schönen Küste, weit weg von allen internationalen Flughäfen, verbunden mit Welt nur durch eine Landstraße. Und dann dort die restlichen paar Lebensjahre einfach am Strand verbringen und abends ein Bier trinken.

So dachte der Auswanderer bei sich, dann vergaß er seine Gedanken wieder und bestellte sich noch ein Bier.

Frei nach der Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll

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